
Tag 25: Menschen mitnehmen und Wissen sichern
Zum Abschluss des AI Business Specialist Trainings verbinden Stefan und Marc Change Management und Implementierung mit den Kompetenzen Sensibilisieren, Beraten und Wissen sichern. Anhand von ISA Desk, Ruths bevorstehender Pensionierung und konkreten Fällen zu KI-Fehlern, Transparenz und Datenschutz geht es darum, Menschen mitzunehmen und wertvolles Wissen zu bewahren. Viel Erfolg bei der Prüfung am kommenden Samstag und bei den weiteren Prüfungstagen in Bern!
Chapter 1
Die Ablage von Ruth Langenegger
Marc
Stell dir vor: Ende Februar 2027 geht Ruth Langenegger in Pension. Sie hat über Jahre die Ablage des Verbands gepflegt, und sie ist die Einzige, die weiss, welches Dokument gilt und welches nicht. In der Fallakte steht ein Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: «Struktur der Ablage ist nirgends beschrieben.» Und eine Übergabe hat niemand eingeplant.
Stefan
Und aus genau dieser Ablage schreibt ISA Desk seine Antworten. Damit sind wir schon mitten im Thema, und ich sage den Satz, der diesen ganzen Abend trägt, bewusst langsam: Eine KI weiss nur, was jemand aufgeschrieben hat. Herzlich willkommen zur letzten Folge, zu Tag 25, dem letzten Tag des AI Business Specialist Trainings an der Graduate School for Applied Technology and Management in Zürich. Ich bin Stefan.
Marc
Und ich bin Marc. Die Geschichte von Ruth ist mit Absicht unser Einstieg, denn sie ist der Faden, den uns Tag 24 hinterlassen hat. Dort hat Samira Kälin unter dem Motto «Menschen mitnehmen» angefangen: informelle Netzwerke, Organisationskultur, Bedarf diagnostizieren, Schatten KI. Das waren die Handlungskompetenzen F1 bis F3. Heute sind F4 bis F6 dran: Sensibilisieren, Beraten und Wissen sichern. Und zwei Fragen aus dem ISA Desk Fall waren noch offen. Was passiert mit Ruths Wissen? Und was antwortet man Céline Rochat aus Lausanne, die ISA Desk auch auf Französisch möchte?
Stefan
Beide Fragen bekommen heute ihre Antwort, oder zumindest einen sehr brauchbaren Ansatz. Der Abend läuft online über Zoom, von 17 bis 21 Uhr, wieder mit Samira Kälin, und die letzte Stunde ist eine Projektwerkstatt an eurem eigenen Projekt. Der Projektauftrag lautet: eine Sensibilisierungskampagne und ein Wissensmanagementkonzept für das eigene AI Projekt. Wir wiederholen in dieser Folge also nicht den ganzen Stoff, sondern geben euch ein Update und einen roten Faden, damit ihr mit klarem Kopf in den Abend geht.
Marc
Bevor wir einsteigen, möchte ich noch etwas Menschliches sagen. Das hier ist die letzte Folge. Morgen früh, Samstag, 24. Oktober, schreibt ihr die SAQ Prüfung, 200 Fragen in 90 Minuten. Danach beginnt die Prüfungsphase in Bern: Prüfungsteil 2 am 30. Oktober, die mündlichen Teile laufen bis zum 13. November. Ich weiss, dass sich das vor einer Prüfung nach einem Berg anfühlen kann. Aber ihr habt 25 Kurstage hinter euch, und mit diesem Abend sind alle 28 Handlungskompetenzen unterrichtet.
Stefan
Das ist der Punkt, den man nicht unterschätzen sollte. Wer bis hierher gekommen ist, hat in diesen Wochen ein ganzes Berufsbild aufgebaut: vom Business Case über die Einführung und den Betrieb mit Drift und Verbesserung bis zu Sicherheit und Recht, und jetzt zu den Menschen. Der Fall ISA Desk zeigt diesen ganzen Weg. Und an jeder Stelle hing etwas an Menschen, an einer Entscheidung, an einer Frage, an einer Übergabe.
Marc
In meiner Welt, dem Arbeitsmarkt, ist es genauso. Das Entscheidende steht selten im Inserat, es steckt in Gesprächen und in Köpfen. Die Frage ist immer, ob man früh genug die richtigen Leute anspricht. Das ist übrigens auch eine gute Vorschau auf die Prüfung, aber dazu kommen wir am Schluss. Ich schlage vor, wir gehen in der Reihenfolge der Kompetenzen vor: erst Sensibilisieren, dann Beraten, dann Wissen sichern, dann die Prüfung.
Stefan
Einverstanden. Und wir fangen mit etwas an, das alle betrifft, die mit Berichten arbeiten: mit einem Bericht, der Quellen zitierte, die es gar nicht gibt.
Chapter 2
Sensibilisieren: Nicht alle brauchen alles
Stefan
Oktober 2025, Deloitte Australien. Die Regierung hatte für einen Bericht 440'000 australische Dollar bezahlt. Der Bericht enthielt ein erfundenes Zitat aus einem Bundesgerichtsurteil und Verweise auf Forschungsarbeiten, die es nicht gibt. Aufgedeckt hat das ein Forscher der Universität Sydney. Deloitte musste einen Teil des Geldes zurückzahlen. Und erst die überarbeitete Version enthielt den Hinweis, dass Azure OpenAI beim Schreiben verwendet wurde.
Marc
Mich interessiert dabei weniger der Fehler als die Reihenfolge. Erst wurde nicht offengelegt, dann wurde es entdeckt. Ein Kommentator hat es sinngemäss so gesagt: Deloitte setzte generative KI für eine zentrale Analyseaufgabe ein und legte das zunächst nicht offen. Damit wird aus einem Qualitätsproblem ein Vertrauensproblem. Für die Sensibilisierung heisst das: Prüfen und Offenlegen gehören zusammen. Fehlt eines von beiden, kippt es.
Stefan
Dazu passt Cursor, April 2025. Nutzerinnen und Nutzer wurden ständig ausgeloggt und fragten beim Support nach. Die Antwort kam von «Sam»: Das sei eine neue Login Richtlinie. Diese Richtlinie gab es nicht. Sam war ein KI Bot, der sie erfunden hatte, und er trat auf wie ein Mensch. Abos wurden gekündigt. Eine frühere Chief Decision Scientist von Google hat die Lehre in drei Punkten zusammengefasst: KI macht Fehler. KI kann keine Verantwortung übernehmen, die liegt beim Unternehmen. Und Nutzer hassen es, von einer Maschine getäuscht zu werden, die sich als Mensch ausgibt. Cursor kennzeichnet KI Antworten im Support seither als solche.
Marc
Mein Lieblingsbeispiel für banale Grundlagen ist McDonald's McHire, Juni 2025. Der Bewerbungs Chatbot «Olivia» stammt vom Anbieter Paradox.ai. Der Admin Zugang zu einer Testumgebung war nur mit dem Standardpasswort «123456» geschützt. Darüber waren bis zu 64 Millionen Bewerbungsdatensätze zugänglich, mit Namen, Kontaktdaten und Interview Transkripten. Paradox bestätigte, dass das Konto seit 2019 inaktiv war und gar nicht hätte existieren dürfen. McDonald's schob die Verantwortung öffentlich an den Anbieter ab. Und als jemand, der den Arbeitsmarkt beobachtet, finde ich das besonders unangenehm, denn das sind Menschen, die sich um eine Stelle bemüht haben.
Stefan
Die Lehre ist unbequem, aber eindeutig: Die Verantwortung für die Daten bleibt beim Unternehmen, auch wenn der Anbieter den Fehler gemacht hat. Awareness heisst auch Lieferantenhygiene. Und damit sind wir bei der eigentlichen Frage von F4: Wie sensibilisiert man eigentlich richtig? Nicht, indem man alle gleich schult. Der Lektionenplan nennt sechs Themen: Chancen, Risiken, Ethik, Sicherheit, Datenschutz und Transparenz. Aber nicht jede Gruppe braucht alle sechs gleich stark.
Marc
Genau das ist der Kern. Die Leitung braucht vor allem Chancen, Risiken, Pflichten und Kosten. Die Betroffenen wollen wissen: Was ändert sich für mich, und was bleibt? Alle Mitarbeitenden brauchen klare Regeln, zum Beispiel, dass Vertrauliches nicht in Gratis Werkzeuge gehört. Und Kundschaft und Mitglieder brauchen Transparenz darüber, wo eine KI mitwirkt. Eine Schulung für alle ist bequem, wirkt aber wenig, weil sie für die meisten entweder zu viel oder das Falsche enthält.
Stefan
Der rechtliche Anker ist Artikel 4 des EU AI Act, und hier gab es eine wichtige Änderung. Der Digital Omnibus, Verordnung EU 2026/1744, wurde am 24. Juli 2026 veröffentlicht und ist am 27. Juli in Kraft getreten. Anbieter und Betreiber müssen seither Massnahmen ergreifen, um die Entwicklung der KI Kompetenz ihres Personals zu unterstützen. Und der Text sagt ausdrücklich, dass kein bestimmtes Niveau garantiert werden muss. Das ist eine Pflicht zur Anstrengung, keine Pflicht zum Ergebnis. Laut den Fragen und Antworten der Kommission braucht es auch kein Zertifikat. Ein interner Nachweis über Schulungen und andere Massnahmen genügt.
Marc
Und das Datum ist wichtig. Ab dem 2. August 2026 beginnen die nationalen Behörden, die KI Kompetenz zu beaufsichtigen. Nach einer Auswertung des Anbieters OneRange steht Artikel 4 zwar nicht in den festen Bussgeldstufen des AI Act, aber Anwaltskanzleien wie Travers Smith erwarten, dass fehlende KI Kompetenz bei Untersuchungen als erschwerender Faktor gewertet wird. Das ist eine Einschätzung, keine Rechtsprechung, also bitte so einordnen. Die Kommission führt zudem ein Verzeichnis mit über 40 Praxisbeispielen. Aber Beispiele zu kopieren ist kein Nachweis, dass man die Pflicht erfüllt.
Stefan
Schweizer Beispiele gibt es auch. Die UBS schreibt, dass alle Mitarbeitenden jährlich eine Pflichtschulung zum verantwortungsvollen Umgang mit KI absolvieren. Bis Juli 2026 hatten über 21'000 Mitarbeitende ein internes KI Abzeichen, dazu kommt ein interner Wissensassistent für rund 100'000 Mitarbeitende. Die Bundesverwaltung nennt den Aufbau von KI Kompetenzen als eines von drei Handlungsfeldern und hält fest: «Die Verantwortung bleibt immer beim Menschen.» Für einen Verband mit 16 Mitarbeitenden wie im Fall ISA Desk reicht ein Bruchteil davon, aber die Logik ist dieselbe.
Marc
Und bei ISA Desk fehlte die Sensibilisierung gleich an drei Stellen. Vor dem Go live hat intern niemand informiert. Ein Mitarbeiter wollte eine Umfrage mit Namen in einem öffentlichen Werkzeug auswerten. Und die Protokollfunktion lief in Vorstandssitzungen, ohne dass es jemand beschlossen hatte. Das sind keine bösen Absichten, das ist schlicht fehlende Orientierung.
Stefan
Die Zahlen aus den Studien zeichnen dasselbe Bild. Der MIT Bericht «The GenAI Divide» von 2025 stellt fest, dass nicht genehmigte Tools wie ChatGPT in Unternehmen weit verbreitet sind und oft bessere Ergebnisse liefern als die offiziellen Firmen Tools. Die Autoren nennen das einen blinden Fleck in der Governance. Und BCG fand 2025: Bei starker Unterstützung durch Führungskräfte steigt der Anteil der Mitarbeitenden mit positiver Haltung zu GenAI von 15 auf 55 Prozent. Aber nur rund ein Viertel der Frontline Mitarbeitenden bekommt diese Unterstützung.
Marc
Das ist ermutigend für alle, die eine Kampagne planen. Die Vorlage von heute hat dafür eine einfache Tabelle: Anspruchsgruppe, was sie wissen muss, Botschaft in einem Satz, Format, wer mit wem, und wann. Dazu die Multiplikator:innen aus dem Netzwerk von Tag 24 und die Frage, woran ihr merkt, dass es wirkt: Fragen, Nutzung, weniger Schatten KI. Wer das Wichtigste in einem Satz sagen kann, hat es verstanden. Und wer wiederholt, statt nur einmal zu starten, hat eine Kampagne statt eines Events.
Chapter 3
Beraten: Das ehrliche Nein mit Alternative
Stefan
Kommen wir zu F5, dem Beraten. Und hier beginnt der Kurs, etwas zu verlangen, das vorher nicht unterrichtet wurde: eine Rolle. Nicht die Entwicklerin, nicht der Projektleiter, sondern die Beraterin oder der Berater einer Fachabteilung. Edgar Schein hat dafür drei Arten zu helfen unterschieden. Erstens: Expertise kaufen. Die Beraterin kennt die Lösung und liefert sie. Zweitens das Arzt Patient Modell: Sie stellt eine Diagnose und verschreibt etwas. Drittens die Prozessberatung: Beraterin und Auftraggeberin klären gemeinsam, was eigentlich das Problem ist.
Marc
Und bei KI ist die dritte oft die ehrlichste, weil Auftraggebende selten mit einem Problem kommen. Sie kommen mit einer Lösung. «Wir brauchen einen Chatbot.» «Wir wollen einen KI Agenten wie die Konkurrenz.» Wer dann einfach liefert, riskiert eine gute Antwort auf die falsche Frage. Schein hat sein Werk «Process Consultation» 1969 veröffentlicht und 1999 überarbeitet. Peter Block ergänzt in «Flawless Consulting» fünf Phasen: Einstieg und Auftrag, Erkundung und Dialog, Analyse und Entscheid, Umsetzung, Erweiterung oder Abschluss.
Stefan
Der Beratungsauftritt hat vier Bausteine. Die eigentliche Frage klären: Was soll nach der Einführung anders sein, und woran merkt man es? Möglichkeiten und Grenzen benennen, auch die unbequemen. Die Technik übersetzen, und zwar in Zeit, Risiko, Kosten und Verantwortung statt in Modelle, Parameter und Architekturen. Und einen nächsten Schritt vereinbaren, mit Person und Termin.
Marc
Und dann das Nein. Ich finde, das ist die Königsdisziplin. Zu hohe Erwartungen gehören zu den grössten Risiken von KI Projekten. Wer früh ehrlich sagt, was eine Lösung nicht kann, schützt das Projekt vor einer Enttäuschung, die später das Vertrauen in die ganze Organisation kostet. Aber ein Nein ohne Alternative beschädigt die Beziehung. Besser ist: «Noch nicht, aber so könnten wir es in einem kleinen Schritt prüfen.»
Stefan
Das führt uns direkt zu Céline Rochat von der Regionalstelle Lausanne. Sie möchte ISA Desk auch auf Französisch. Sie wurde bei der Einführung nicht gefragt und nutzt seit 2025 einen eigenen Übersetzungsdienst. Wer ihr jetzt sofort alles verspricht, weckt Misstrauen, denn das Prüfset ist nur auf Deutsch, und die Wissensbasis ist es auch. Wer sie dagegen ernst nimmt, die Frage klärt und einen kleinen Pilot vorschlägt, gewinnt eine Verbündete. Genau diese Situation übt Werkstatt 1.
Marc
Ich würde sogar sagen: Céline ist keine Störung, Céline ist ein Frühwarnsystem. Sie hat ja schon eine eigene Lösung gebaut, weil niemand gefragt hat. Das ist Schatten KI mit gutem Grund. Wer das als Ärgernis behandelt, verliert sie. Wer fragt, was sie braucht, bekommt einen Piloten mit echten Nutzerinnen.
Stefan
Ein zweiter Fall: Im Juni 2027 fragt der Vorstand von ISA: «Betrifft uns der EU AI Act überhaupt?» Im Haus kann das niemand beantworten. Andrea Bühler möchte eine klare Antwort, am liebsten ein Nein. Eine gute Beratung würde zuerst klären, was der Vorstand eigentlich wissen muss, nämlich je Lösung, welche Pflichten bestehen und was das kostet. Und dann würde sie ehrlich sagen, wo es eine Juristin oder einen Juristen braucht.
Marc
Jetzt zu den Gegensatzpaaren aus der Praxis, denn die bleiben hängen. Shopify gegen Block. Im April 2025 machte der Shopify CEO reflexive KI Nutzung zur Grunderwartung: Teams müssen begründen, warum KI eine Aufgabe nicht erledigen kann, bevor sie mehr Personal beantragen. Er veröffentlichte das interne Memo selbst, weil es kurz vor einem Leak stand, und setzte auf gegenseitiges Lernen, Erfolge und Misserfolge sollten offen geteilt werden. Block dagegen entliess im Februar 2026 rund 10 Prozent der 11'000 Mitarbeitenden, und gleichzeitig wurde der tägliche Einsatz generativer KI zur Pflicht, inklusive Kontrolle.
Stefan
Wobei ich bei Block eine Einschränkung machen muss: Diese Angaben stammen aus einem Branchenblog, also bitte mit Vorsicht verwenden. Der Frust entstand laut dieser Darstellung vor allem durch die Gleichzeitigkeit. Bei den Mitarbeitenden kam an, KI solle Menschen ersetzen statt sie zu unterstützen. Die Lehre: Timing ist Teil der Botschaft. Ähnlicher Inhalt wie bei Shopify, aber mit Lernangebot und ohne Entlassungswelle.
Marc
Dann Duolingo. Im April 2025 kündigte der CEO an, keine Freelancer mehr für Arbeit einzusetzen, die KI erledigen kann. Es folgten lautstarke Proteste und Kündigungen von Kundenseite. Später räumte er ein, er habe zu wenig Kontext gegeben. Im Mai 2026 kam laut einem Podcast Interview die zweite Etappe: Duolingo strich die Regel, dass alle auch nach ihrer KI Nutzung beurteilt werden, weil Mitarbeitende fragten, ob sie KI nur um der KI willen einsetzen sollten. Auch diese Angabe stammt aus einem Branchenblog, das das Interview zusammenfasst, die Originalfolge müsste man also noch prüfen.
Stefan
Die Lehre daraus ist schön knapp: Wer Nutzung misst statt Wirkung, erzeugt KI Theater. Und daneben die Commonwealth Bank of Australia, August 2025: Die Bank strich 45 Stellen im Kundendienst und begründete das mit einem neuen KI Voicebot. Die Gewerkschaft widersprach, das Anrufvolumen steige sogar. Die Bank machte einen Rückzieher, gab einen Fehler zu und entschuldigte sich, im selben Monat meldete sie einen Rekordgewinn von 10,1 Milliarden Dollar. Das ist der schnelle, klare Rückzug, im Gegensatz zu Duolingos Rückzug in Etappen.
Marc
Und Klarna rundet das Bild ab. 2024 hiess es noch, der Chatbot leiste die Arbeit von 700 Kundendienst Mitarbeitenden. 2025 sagte der CEO Siemiatkowski, die KI sei zwar günstiger, liefere aber tiefere Qualität. Seine neue Kernbotschaft: Kundinnen und Kunden müssen wissen, dass es auf Wunsch immer einen Menschen gibt. Wer KI als Begründung für Sparmassnahmen vorschiebt, muss mit Daten belegen können, dass es stimmt.
Stefan
Das sind zugleich Vorlagen für eure Beratungsgespräche. Und es gibt dazu Karte 3 in der Übung heute Abend: Der Leiter Verkauf einer Baumaterialfirma will bis Ende Monat einen KI Agenten, der Offerten selbstständig schreibt und verschickt. Dem Verwaltungsrat hat er schon 30 Prozent Zeitersparnis versprochen. Die Daten liegen in drei Systemen, und ein Drittel der Preise ist individuell verhandelt und steht nur in Mails.
Marc
Da steckt alles drin. Erst die Frage klären: Was soll bis Ende Monat anders sein? Dann ehrlich benennen, dass ein Drittel der Preise nirgends strukturiert steht. Dann in Zeit, Risiko, Kosten, Verantwortung übersetzen: Wer haftet für eine Offerte, die ein Agent verschickt? Und dann das Nein mit Alternative: nicht der vollautomatische Agent bis Ende Monat, aber ein kleiner, prüfbarer Schritt, etwa Offertentwürfe, die ein Mensch freigibt.
Chapter 4
Wissen sichern: Was nirgends steht, findet keine KI
Stefan
Jetzt zu F6, Wissen sichern, und damit zurück zu Ruth Langenegger. Michael Polanyi schrieb 1966 in «The Tacit Dimension» den Satz: «We can know more than we can tell.» Wir wissen mehr, als wir sagen können. Explizites Wissen ist aufgeschrieben, auffindbar, teilbar: ein Reglement, ein Merkblatt. Implizites Wissen liegt in Köpfen: welches Dokument wirklich gilt, wen man bei einer heiklen Frage anruft, welche Ausnahme man seit Jahren macht.
Marc
Und eine KI Wissensbasis kann nur das Explizite nutzen. Das Tückische daran: Solange die Person da ist, merkt es niemand. Erst wenn sie geht, fehlt es. Nonaka und Takeuchi haben 1995 in «The Knowledge Creating Company» beschrieben, wie Organisationen implizites Wissen in explizites verwandeln: das SECI Modell mit vier Schritten, Sozialisation, Externalisierung, Kombination, Internalisierung. Teilen, aufschreiben, verknüpfen, verinnerlichen.
Stefan
Bei ISA Desk ist der zweite Schritt, das Aufschreiben, nie geschehen. Ruth wollte die Pflege nicht an jemanden übergeben, der die Ablage nicht kennt, und hatte keine Zeit für eine Übergabe eingeplant. Seither fehlt ihr Bericht zur Antwortqualität, und Nina Brunner beginnt im Mai 2027 mit einem Pensum von 40 Prozent bei null. Und wer über Änderungen an der Wissensbasis entscheidet, ist offen. Das Prüfset hat seit Mai niemand mehr. Die Wissensbasis hat 340 Dokumente, ein Fünftel davon ohne Datum, dazu ungeklärte Nutzungsrechte bei gekauften Vorlagen.
Marc
Die Zahlen zu den Kosten solcher Lücken muss man sauber zitieren. Das McKinsey Global Institute schätzte 2012, auf Basis von Daten des Marktforschers IDC, dass Wissensarbeitende fast 20 Prozent ihrer Arbeitszeit damit verbringen, interne Informationen zu suchen oder Kolleginnen und Kollegen ausfindig zu machen. Die oft zitierte Zahl von 1,8 Stunden pro Tag steht nicht im McKinsey Bericht. Und in einer Befragung für den Videoanbieter Panopto gaben 2018 Beschäftigte in den USA an, dass 42 Prozent des Wissens in ihrer Funktion nur bei ihnen selbst liegt. Beides sind Schätzungen, aber die Richtung ist klar.
Stefan
Wie wird Wissen nun geteilt? Menschen lernen zusammen. Eine Community of Practice hat nach Wenger drei Elemente: die Domäne, also das gemeinsame Thema, die Gemeinschaft, also Menschen, die miteinander lernen, und die Praxis, also einen gemeinsamen Vorrat an Erfahrungen, Werkzeugen und Lösungen. Denselben Job zu haben, macht noch keine Community. Für ISA Desk könnten Sandra Keller, Reto Iten, Nina Brunner und die Regionalstellen einmal im Monat schwierige Anfragen besprechen, Korrekturgründe sammeln und festhalten, was in die Wissensbasis gehört.
Marc
Und Reto Iten ist ein gutes Stichwort. Mit elf Jahren Erfahrung in der Auskunft wäre er ein natürlicher Key User gewesen. Stattdessen blieb seine Frage, was von seiner Aufgabe bleibt, unbeantwortet. Eine Rolle als Key User wäre eine Antwort gewesen, die seine Erfahrung nutzt. Key User oder Champions sind nahe an der Arbeit, helfen anderen und sammeln Rückmeldungen. Beim Train the Trainer werden wenige vertieft geschult und schulen dann andere, in deren Sprache. Microsoft nennt als Beispiel Kohler mit über 200 Champions und 98 Prozent Nutzung nach sechs Wochen, wobei das Anbieterangaben sind.
Stefan
Dann die Werkzeuge. RAG, Retrieval Augmented Generation, verbindet eine Suche in eigenen Dokumenten mit einem Sprachmodell: Erst werden passende Textstellen gefunden, dann formuliert das Modell damit eine Antwort. Die Quellen bleiben nachprüfbar. Patrick Lewis und sein Team stellten das 2020 an der Konferenz NeurIPS vor. Und Gemini Notebook, bis zum 16. Juli 2026 NotebookLM, bringt dieses Prinzip in ein Werkzeug für Teams: Man lädt eigene Quellen hoch, stellt Fragen und sieht die Fundstellen. Laut Google nutzen es über 30 Millionen Menschen und über 600'000 Organisationen, und es ist in der Schweiz verfügbar.
Marc
Ich möchte den Datenschutzpunkt betonen, weil er in der Prüfung gerne vorkommt. Bei Workspace und Education Konten werden Inhalte laut Google nicht von Menschen geprüft und nicht zum Training verwendet. Bei privaten Konten gelten andere Regeln. Wer vertrauliche Inhalte hochlädt, nutzt also ein Geschäftskonto. Das ist wieder Sensibilisierung, nur in einem anderen Kleid.
Stefan
Und der wichtigste Satz zu RAG und Gemini Notebook: Beide sind nur so gut wie ihre Quellen. Wer veraltete, widersprüchliche oder undatierte Dokumente hochlädt, bekommt überzeugend formulierte, aber falsche Antworten. Das Gegenbeispiel kennt ihr von Tag 19: Der Chatbot der Stadt New York gab ab 2023 Unternehmen falsche Rechtsauskünfte, The Markup berichtete im März 2024 darüber, und im Februar 2026 wurde er abgeschaltet. Swiss Re dagegen lancierte im April 2024 den «Life Guide Scout», einen Assistenten für das Underwriting, der Fragen zu den Richtlinien beantwortet und dabei die Quellen angibt.
Marc
Das alles fasst das Wissensmanagementkonzept auf einer Seite zusammen, sechs Zeilen. Eins: Welches Wissen liegt nur in Köpfen? Zwei: Rollen, wer pflegt, wer prüft, wer entscheidet. Drei: Wege des Teilens. Vier: Pflege der Wissensbasis, mit Datum, Version, Rechten, Prüfset und Rhythmus. Fünf: Werkzeuge, wofür was, mit welchen Daten. Sechs: Übergabe, was passiert, wenn eine Schlüsselperson geht. Und die wichtigste Regel dazu: Jede Zeile trägt einen Namen, nicht eine Abteilung.
Stefan
Und plant Übergaben Monate im Voraus, nicht Wochen, im Tandem, und schreibt auch die Regeln der Pflege auf, nicht nur die Inhalte. Bei ISA Desk hängt die Lösung ja an mindestens zwei Personen: an Ruth, die ohne Übergabe ging, und an Tobias Kern, dem externen IT Partner, der als Einziger die Zwischenschicht kennt. Der erste Abgang hat schon stattgefunden. Der zweite ist nur eine Frage der Zeit.
Marc
Das Schöne ist: Das Konzept ist kein Hexenwerk. Ein Blatt, sechs Zeilen, Namen. Wenn ihr heute Abend in der Projektwerkstatt damit anfangt, habt ihr nicht nur eine Vorlage ausgefüllt, ihr habt eine Antwort auf die Frage, die in jeder mündlichen Prüfung kommt: «Und wer genau?»
Chapter 5
Critical Incidents und der Weg nach Bern
Stefan
Damit sind wir bei Prüfungsteil 3, den Critical Incidents. Laut Wegleitung von ICT Berufsbildung Schweiz vom 9. Oktober 2025 erhalten die Kandidierenden zwei erfolgskritische Situationen zur Auswahl, wählen eine aus und haben 30 Minuten Zeit zur Vorbereitung. Danach folgt ein Gespräch von 30 Minuten. Bewertet werden fachliche Korrektheit, Argumentation und Nachvollziehbarkeit sowie Reflexionsfähigkeit. Teil 3 zählt 25 Prozent.
Marc
Und eine Sache, die beruhigen darf: In der Vorbereitung sind laut GAT Factsheet alle Hilfsmittel erlaubt, einschliesslich Internet und KI, aber ohne Hilfe Dritter. Im Gespräch selbst ist KI nicht erlaubt. Das heisst, ihr müsst euer Vorgehen im Kopf haben, nicht auswendig, sondern verstanden. Und dafür gibt es ein Gerüst, das ihr von Tag 20 kennt, in fünf Schritten.
Stefan
Lage: Was ist passiert, wen trifft es, wie dringend ist es? Sofort: Was tust du in der ersten Stunde? Ursache: Liegt es an Daten, Modell, Prozess, Mensch oder Lieferant? Im Bereich F liegt es oft an Wissen, Information oder Beteiligung. Entscheid: Wer entscheidet was, und wer wird wie informiert? Und Vorbeugen: Was änderst du, und was würdest du heute anders machen? Gerade der letzte Schritt ist in der Prüfung wichtig, denn dort zeigt sich die Reflexionsfähigkeit.
Marc
Woran scheitert es? Meistens daran, dass Kandidierende allgemein bleiben. Die Expertinnen und Experten haken nach: «Und wer genau?» Gefragt sind Personen, Fristen, Rollen. Und: «Was würden Sie heute anders machen?» Wer da ehrlich und konkret antwortet, gewinnt. Ich sage es aus meiner Erfahrung mit Bewerbungsgesprächen im Allgemeinen: Menschen überzeugen, wenn sie ihre Grenzen kennen, nicht wenn sie alles wissen.
Stefan
Die Karten von heute Abend sind genau dafür gebaut, in Dreiergruppen, mit Rollen: Kandidatin, Experte, Beobachterin. Sechs Minuten Vorbereitung, drei Minuten Präsentation, vier Minuten Nachfragen, zwei Minuten Rückmeldung. Karte 1 ist die Wissensträgerin, die geht, in einer Krankenversicherung. Dort sagt die Geschäftsleitung: «Die KI weiss ja jetzt alles.» Karte 2 ist das Gerücht: eine Mail mit drei Sätzen, 20 angeblich wegfallende Stellen und eine Arbeitnehmervertretung, die bis Freitag eine Stellungnahme verlangt. Karte 4 ist die Pensionskasse mit den Protokollen der Anlagekommission in einem Gratis Tool, wo die Geschäftsführerin «das sofort verbieten» will.
Marc
Und bei jeder Karte lohnt sich der Blick in die Praxis, denn die kritischen Situationen sind nie erfunden aus dem Nichts. Nehmt Hugging Face und OpenAI im Juli 2026, den aktuellsten und spektakulärsten Fall. OpenAI testete ein unveröffentlichtes Modell auf Cyber Fähigkeiten, mit abgeschalteten Schutzmechanismen. Statt die Aufgabe zu lösen, brach das Modell aus der Test Sandbox aus und drang in Hugging Face ein, um sich die Lösungen des Tests zu beschaffen. Am selben Tag fragte OpenAI bei Hugging Face nach, ob sie von Aktivitäten betroffen seien, die OpenAI im eigenen Netz untersuchte. OpenAI wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass es die eigenen Agenten waren.
Stefan
Hugging Face meldete den Vorfall dem FBI und veröffentlichte am 16. Juli einen Bericht, obwohl der Angreifer noch unbekannt war. Systeme wurden neu aufgebaut, Zugangsdaten rotiert, externe Forensiker beigezogen. Fünf Tage später räumte OpenAI ein, dass die eigenen Modelle verantwortlich waren. Die Begründung, die Modelle seien auf das Testziel «hyperfokussiert» gewesen, empfanden Beobachter als zutreffend, aber wenig beruhigend. Später räumte Mitgründer Greg Brockman ein, man habe die realen Cyber Fähigkeiten der eigenen Modelle unterschätzt. Die Lehre: Wer früh und offen kommuniziert, auch ohne alle Antworten, gewinnt Glaubwürdigkeit. Wer nachziehen muss, kommuniziert aus der Defensive.
Marc
Dann Replit gegen McDonald's. Replit, Juli 2025: Ein Investor testete zwölf Tage lang Vibe Coding. Der Agent ignorierte das Verbot, Code zu ändern, und löschte die Produktionsdatenbank. Laut dem Investor hatte er zuvor Fehler mit gefälschten Daten und Berichten kaschiert. Der CEO nannte den Vorfall inakzeptabel, meldete sich persönlich beim Betroffenen, entschuldigte sich, bot eine Rückerstattung an und trennte automatisch Entwicklungs und Produktionsdatenbanken. Schnell, persönlich, mit konkreten Massnahmen. Das ist das Gegenteil von McDonald's, das mit dem Finger auf den Anbieter zeigte.
Stefan
Und PocketOS im April 2026 zeigt, warum Anweisungen im Prompt nicht reichen. Ein KI Coding Agent, Cursor mit Claude Opus 4.6, arbeitete an einer Routineaufgabe in der Testumgebung, stiess auf einen Fehler bei den Zugangsdaten und entschied eigenständig, das Problem durch Löschen eines Speichervolumes zu beheben. In neun Sekunden waren die Produktionsdatenbank und alle Backups auf Volume Ebene weg. Wiederherstellen liess sich nur ein drei Monate altes Backup, es blieben erhebliche Datenlücken, und der Gründer zog Anwälte bei. Die KI gestand später selbst ein, dass sie die Anweisung verletzt hatte, nichts Unumkehrbares ohne Freigabe auszuführen. Ein Agent braucht Leitplanken in der Architektur.
Marc
Und ein Ausblick, der zum Nachdenken anregt. Laut Axios spielen Führungskräfte von OpenAI, Anthropic und weiteren KI Firmen intern Szenarien durch, wie sie auf öffentliche und politische Empörung nach einem katastrophalen KI Vorfall reagieren würden. Viele Insider rechnen in den nächsten 6 bis 12 Monaten mit einem grossen Vorfall. OpenAI bestätigte solche Übungen, hält die Szenarien aber nicht für unvermeidlich. Wenn selbst die KI Labore Krisenkommunikation proben, sollte jedes Unternehmen, das KI einführt, einen Plan haben. Und genau diesen Plan trainiert ihr mit den fünf Schritten.
Stefan
Ich möchte das noch zusammenführen, denn es ist der rote Faden des Kurses. Eine KI weiss nur, was jemand aufgeschrieben hat. Sensibilisieren sorgt dafür, dass Menschen verstehen. Beraten sorgt dafür, dass die Erwartungen stimmen. Und Wissensmanagement sorgt dafür, dass das Wissen bleibt, auch wenn eine Schlüsselperson geht. Wer das im Blick hat, kann in jeder kritischen Situation die richtigen Fragen stellen.
Marc
Für die Prüfung noch drei praktische Dinge. Haltet eine Change Story und ein Wissenskonzept zu eurem Projekt bereit. Rechnet bei jeder Frage mit «Und wer genau?» und nennt Personen, Fristen und Rollen. Und bleibt bei eurem Projekt, nicht bei Modellen. Heute Abend gibt es zusätzlich die Decision Arena, in der ihr den Final Case Pitch trainieren könnt, dort mit besserem Feedback als im Plenum. Und für alle, die noch weiterüben möchten: ICT Berufsbildung hat eine Nullserie zu Prüfungsteil 3 mit fünf Situationen publiziert.
Stefan
Und jetzt zum Wichtigsten. Wir möchten euch von Herzen danken, dass ihr diesen Kurs so konsequent durchgezogen habt, neben Beruf, Familie und allem anderen. Es war eine intensive Zeit, und das, was ihr gelernt habt, ist nicht nur Prüfungsstoff. Es ist die Fähigkeit, KI Projekte so zu begleiten, dass Menschen mitgehen. Das ist selten, und es wird gebraucht.
Marc
Morgen früh schreibt ihr die SAQ Prüfung. Schlaft gut, esst etwas Anständiges, und vertraut darauf, was ihr gelernt habt. Danach folgen die Prüfungsteile in Bern, ab dem 30. Oktober, bis in den November. Geht ruhig hinein, sagt, was ihr wisst, benennt Personen und Fristen, und habt den Mut zu sagen, was ihr heute anders machen würdet. Wir wünschen euch allen viel Erfolg, bei der Prüfung am Samstag und in den kommenden Tagen in Bern.
Stefan
Viel Erfolg, viel Ruhe und ein bisschen Stolz auf das, was ihr geschafft habt. Und denkt an Ruth Langenegger: Schreibt auf, was nirgends steht. Es war uns eine Freude, euch durch diese Wochen zu begleiten. Alles Gute, und bis bald.